Das Bild zeigt einen Zettel aus dem Schrankkarton: Titus-Eckverbind 100, die Bezeichnung eines Bauteils.

Der Wahnsinn bei Möbel Kraft (Teil 2)

Teil 1: In den Weiten des Möbelhauses beinahe verloren, haben wir einen Schrank gefunden, der uns zusagt. Leider steht er ohne jede Information zu Identität und Preis. Jetzt heißt es, einen Verkäufer zu suchen. Mit Erfolg.

„Wir haben einen Schrank gesehen. Dort. Aber es steht nichts dran. Nichts.“
„Ja.“

Wir gingen hin.
„Ja.“ Der Verkäufer nahm die leere Hülle in die Hand. Er ließ sie wieder sinken. „Nichts“, sagte er.
„Ja“, sagte ich.
„Dann hat den schon ein Kollege verkauft.“
„Aber wir können …“
„… Sie können den neu nachbestellen.“
„Und wie viel?“
„200 … 300 Euro schätz ich.“
„Hm. Könnten Sie uns das ausdrucken?“
„Nein, leider nicht.“
„Ein Angebot …“
„Darf ich nicht.“
„Können wir anrufen?“
„Mich nicht.“
„Können Sie uns den Preis auf einen Zettel schreiben und das Modell, damit wir wissen, um welchen Schrank es sich handelt?“
„Das ist der Fantasy-Dreamer … polarweiß. Ja.“

Der Verkäufer lief los. Wir hinterher. Nach fünfzig wortlosen Metern: „Ich muss zu meinem Computer.“„Nehmen Sie Platz.“ Da saßen wir nun. Vor dem Bildschirm lag ein abgeleckter Teelöffel.
„Aber das mit den Ausstellungsstücken …“
„Nee, ich weiß. Ich hätte es auch anders gemacht.“
„Weil Sie ja gar nichts mehr da haben, zum Verkaufen.“
„Nee, weiß ich. So dann schauen wir mal … Basiskorpus Dreamer 9 …“
„Und die Absperrbänder?“
„Die sind da drum, dass da niemand rangeht. Die reißen uns ja die Zettel ab, und dann wissen wir nicht mehr, wer das verkauft und gekauft hat. Die Leute rennen ja hin wie die Irren, da mitten rein …“
„… alles verkauft …“
„ja … alles … die Türen Pulsar …“
„Aber komisch ist das doch schon irgendwie? Bleibt der Laden denn offen oder schließen Sie?“
„Nee, das ist … wissen Sie, das wissen wir hier auch alle nicht. Aber mir ist das … mir ist das ehrlich gesagt total egal. Wissen Sie? Total. Sollen sie machen. Ich hab meinen Job. Mir ist das … Ich meine, wenn es nach mir ginge, ich hätte das ganz anders aufgezogen. Aber ich bin nur ein ganz kleines Licht hier. Und die Türgriffe Maniac.“
„Wir haben gar nichts gewusst von der Aktion …“
„Nicht? Das geht ja schon anderthalb Wochen. Die rennen uns ja die Bude ein. So … sehen Sie … sogar billiger. 229 Euro.“

Ich nicke. Der Schrank bei Poco hat 40 gekostet, glaube ich. Das war ein verwackelter, vernagelter Pappkarton. Will ich weitersuchen? „Und die Anlieferung?“
„Ist mit drin.“
Nichts ins Auto quetschen, kein Geschleppe. Wir schauen uns an. Wir nicken. Ich nicke. Ja. Dann der Papierkram. Das Aufstehen, die Verabschiedung. Astrid hat noch immer das Spannbetttuch unter dem Arm.
„Zahlen bei Lieferung oder an der Kasse.“
Wir gehen vor. An der Kasse stehen lange Schlangen, eine Kassiererin hält wütend die Menge in Schach, die sie nicht an ihrer Kasse haben will. „Gehen Sie woanders hin, nicht zu mir, nicht zu meiner Kasse, gehen sie an die andere Kasse.“
Eine Frau ruft klagend: „Ich auch? Ich stand doch schon hier.“
„Ja, Sie auch. Nicht an meine Kasse. Weg.“ Die Augenwimpern der Frau schlagen rhythmisch. Die Augäpfel drehen sich nach oben. Wer weiß, ob sie den rüden Ton nicht verträgt … Dieses Desinteresse an allem Belebten im Laden, es schlägt uns ins Gesicht, seit wir den Faschingspförtner überwunden haben.
„Weg … leg es weg“, sage ich zu Astrid und nötige sie, das Spannbetttuch auf eine Palette Trinkgläser zu legen. Fremde Ware von irgendwoher mitten in einen Berg anderer Dinge legen: die späte Rache des ohnmächtigen Konsumenten. Der Pförtner dirigiert uns, wir wollen bei ihm hinaus, zurück zu den Kassen.
Dort irgendwo muss der Ausgang sein, die Frau in der Kasse brüllt mit rotem Kopf: „Weg von meiner Kasse, gehen Sie zu einer anderen Kasse“, sie schleudert uns ihren Speichel nach, aber wir gehen einfach, wir gehen auf den Parkplatz und ich muss nicht weinen, nein, das nicht, aber ich atme Luft aus, ich blase sie aus mit geblähten Backen.
Ich sage: „Aber Möbel Kraft, inzwischen, ich hatte ja schon so eine gute Meinung.“
„Nein ich nicht … ich wusste dass das eine Klitsche ist. War es schon beim letzten Mal.“ Astrid nickt. Wir fahren zu Ikea, den Rest zu kaufen, auch ein Spannbetttuch.
„Ich will es mir merken“, denke ich bei der Fahrt, sage es immer wieder vor mich hin, will ihn nicht vergessen, diesen unendlichen Hass der Möbelhändler auf ihre Kunden, auf diese krauchenden, nichtswürdigen Wesen, die in der Hitze ihrer Häuser verdorren und verrecken sollen. Ich muss an einen Mann denken, einen Mann, den ich bei Möbel Kraft gesehen habe. Der so fassungslos wirkte, fassungslos wie ich, der ähnlich Schlimmes erfahren haben musste. Noch jetzt höre ich seine Worte im Schädel hallen:
„Und das ist Hülsta, das ist Hülsta … so ein unendliches Schnäppchen, oh, wir haben so ein unendliches Schnäppchen gemacht, so viel. Das ist Hülsta … das ist … Hül-sta.“

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