Nach Poco: der Wahnsinn bei Möbel Kraft (Teil 1)

Mit Poco war es also nichts geworden. Den Schrank brauchten wir aber noch immer. Das Pax-System von Ikea schien mir für die Einstiegsklasse, für einen Putz- und Hobbyschrank, zu teuer zu sein und da wir ein paar Küchenmöbel von Kraft hatten, dachte ich, dass dieser Laden vielleicht eine gute Alternative wäre.

Nachdem es mit einem gemeinsamen Urlaubstag geklappt hatte (ich diskutierte natürlich ein wenig mit mir selbst, denn ich wollte immer zu den unmöglichsten Zeiten Urlaub und gewährte ihn mir ungern) fuhren wir auf den Parkplatz, der mir ungewöhnlich voll für die Mittagszeit eines Werktages erschien. „Die Leute“, sagten wir seufzend und ich parkte, eigentlich die Tiefgarage ansteuernd, spontan auf einem Platz daneben. Über die Tür wachte ein ältlicher Mann in einem leicht zerknitterten Anzug, einer Faschingskostümversion eines Anzugs, und sagte zu uns: „Guten Tag“. Höflichkeit ist eben die Höflichkeit der Könige.


Wir schauten eine Weile auf die Übersichtstafel an der Rolltreppe, dabei fiel uns auf, dass große Areale, darin Sofas, Kommoden und etliches mehr, mit rot-weißem Absperrband umzogen waren. Mir wurde nicht klar, was das bedeuten sollte. Durfte man, in einem kapitalistischen, konsumorientierten Warenhaus, tatsächlich nicht die Verkaufsbereiche betreten oder wollte Möbel Kraft nur in einer chaotisch-anarchistischen Weise die große Ramsch- und Sale-Aktion, denn eine solche fand gerade statt, bewerben und befeuern? Kalkulierten die Verantwortlichen den zivilen Ungehorsam, den unbedingten Willen der Käufer ein? Wir jedenfalls fanden auf der Übersichtstafel nicht das Wort „Schrank“ sondern nur Begriffe wie Küche, Wohnen, Büro und Schlafzimmer.

Das Möbelhaus aber schien schier unendlich. Hinter weiten Bettensteppen erhoben sich wohl Schrankhügel, gab es mit Möbeln vollgestellte Büdchen und Zimmerchen, die demonstrieren sollten, wie es sich leben ließ in den eigenen vier Wänden mit den vorgestellten Kaufobjekten. Und kaufen, das wollten wir ja.

Aber, als wir es endlich an die Ränder des monolithischen Möbelhausblocks geschafft hatten und uns zwischen Rigipsplatten- und Pappkartonwänden in der unendlichen Verwinkelung verloren, sahen wir nur Möbel mit dem Schild „Verkauft“ daran. Überall nur: „Verkauft.“

„Ja verdammt nochmal“, entfuhr es mir, „was kann man denn hier überhaupt noch kaufen.“

Wir überlegten, zu fragen, aber man hörte nur die Schritte der Verkäufer, man spürte den Lufthauch ihrer schnellen Bewegungen im Rücken. Drehte man sich um, nahm man vielleicht noch ihren Duft, einen wehenden Rockzipfel war. Wir stapften dahin, ohne Wasser, ohne Brot, durch die endlose, brennend heiße Möbelwüste. Nur alle Nase lang ein Schild, das Markennamen verkündete. Wir steuerten zurück zu den Rolltreppen, stießen dabei auf eine Verkäuferin, fixiert hinter ihrem Verkaufstischchen. Sie riss die Augen weit auf, vielleicht in Panik. Es half nichts. Wir standen vor ihr.

„Dürfen wir Sie was fragen.“
„Dürfen dürfen Sie.“
„Wir suchen einen Schrank.“
„Hm.“
„Aber an allen Schränken steht, dass sie verkauft sind.“
„Ja, wir machen einen Abverkauf. Alle Ausstellungsstücke werden verkauft. Aber Sie können die entsprechenden Artikel neu nachordern.“
„Aha. Also alle Schnäppchen schon weg. Und Schränke, wo gibt es die?“
„Ah … hm … vielleicht im Wohnzimmerbereich, im Schlafzimmer? Oder sie schauen mal oben, aber ich glaube oben ist schon alles leer.“
„Sie haben geöffnet, aber sie verkaufen nichts mehr?“
„Hm.“
„Danke.“


„Sinnlos, absolut sinnlos der Laden“,
schimpfte ich lauthals beim Weitergehen. Nun waren wir aber schon mal da. Nun hatten wir einmal gemeinsam Urlaub. Und man konnte ja auch erstmal ein Spannbettlaken aussuchen, das brauchten wir nämlich auch noch. Mit dem Bettlaken unter dem Arm fuhren wir wieder hinab, ins Erdgeschoss. Menschen schoben sich entlang der Absperrbänder, aber sie respektierten die Begrenzung. Es war also wohl doch nur ein ungeplanter Wahnsinn, ein phänomenaler Irrsinn, der sich hier, in dieser Möbelbude, Bahn brach.


Wieder liefen wir, die Füße schmerzten, die Augen tränten. Dann irgendwo, eine Verkäuferin mit einer weißen Kuckucksuhr, in modernem Design auf alt getrimmt, lief vorüber, fanden wir ein Eck mit Schränken und einer darin war sehr brauchbar. Weiß, polarweiß, wie wir später erfahren sollten, quadratisch beinahe, hoch genug, nicht zu breit, voluminös und darum viel fassend; das Ausstellungsstück war ordentlich montiert, nicht krumm und schief. Es bestand also eine Chance, dass mir dies auch gelingen konnte.


Allein, die Dokumententasche an der Seite war leer, kein Schildchen gab das kleinste Indiz hinsichtlich eines Preises oder einer Artikelbezeichnung. Ein weißer Schrank vor weißer Wand, wir rieben uns die Augen. War er noch da? Wir mussten nun einen Verkäufer finden, oder eine Verkäuferin, ganz egal. Wieder lief die eine vorüber, die Kuckucksuhr in der Hand. Man sah, dass man sie nicht stören durfte. Sie trug schwer an der Last.


Dann … da … ja! Da war einer! Im Gespräch, leider. Aber wird würden ihn nicht aus den Augen, ihn nicht entkommen lassen. Ich besah mir eine Sache in der Nähe, trat einen Schritt vor, einen zurück, wippte von Zehen auf Ballen und umgekehrt. Der Verkäufer erfasste ich mich, ich konnte stehenbleiben, ich hatte Kontakt hergestellt, meinen Beratungsbedarf signalisiert. Es konnte nichts mehr schiefgehen. Wenn nur der Fatzke dort endlich aufhören würde, dem Verkäufer seine Lebensgeschichte zu erzählen. Was sollte das denn? Ich hatte es nie verstanden, nie verstehen können, wie man so seelenruhig jemanden in Besitz nahm, der doch noch anderes, ganz offensichtlich anderes, zu tun hatte. Ich seufzte.

Dann aber war es soweit. Schneller als gedacht. Ich nickte, ich streckte mich, ich holte tief Luft.

Hier geht es zu Teil 2.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.