Wie finden Sie ein gutes Lektorat?

Wenn Sie einen Text überarbeiten lassen wollen, dann stellen Sie sich vielleicht die Frage, wie Sie ein gutes Lektorat finden und wie Ihr Text davon profitiert. Ich möchte das Thema an dieser Stelle für Sie aus meiner persönlichen Sicht als Lektor beleuchten.

Wenn ich nicht gerade lektoriere, widme ich mich als Stadtimker in Berlin gern meinen Bienen. Bienen und Buchstaben haben nicht besonders viel gemeinsam, Imkerinnen und Lektoren dagegen schon. Denn ob es nun um Menschen geht, die Texte überarbeiten, oder solche, die Bienen halten – häufig treffen in größeren Runden unterschiedliche Meinungen und Vorstellungen aufeinander. Jeder kennt den fachlich einen besten Weg und hat auch Erfolg damit. Das liegt durchaus in der Natur der Sache: Jedes Bienenvolk ist einzigartig, jeder Text (im Idealfall) auch. Und auch das Drumherum, der Kontext, beeinflusst ganz enorm. Bei den Bienen geht es um den Stellplatz des Volkes, die Witterung, die Eigenheiten der Königin. Bei Texten geht es um die Zielgruppe, das Medium, die Intention des Autors bzw. der Autorin. Viele Wege führen nach Rom, was die Entscheidung für Sie natürlich nicht einfacher macht.

Ein gutes Lektorat ist, anders als ein Korrektorat, Geschmackssache

Sie sehen also schon: Die Frage nach dem guten Lektorat ist vor allem durch die Perspektive geprägt. Über Rechtschreibfehler lässt sich hingegen in den meisten Fällen nicht streiten. Ein Korrektorat ist vergleichbar über die Zahl der gefundenen und ausgemerzten Fehler, auch wenn naturgemäß Fehler im Text verbleiben. Perfektion ist schlicht unmöglich. Ob aber ein Satz gekürzt oder umgestellt werden sollte, ob er sich holprig anhört, ob das richtige Wort gewählt wurde oder ein besseres Synonym existiert – all das liegt im Auge des Betrachters. Es gibt zwar allerlei Fibeln und Vorschläge für guten Stil, aber in den meisten Fällen wird der Lektor oder die Lektorin nur einen gewissen Teil davon verinnerlicht haben und den Rest aus eigener Lektüre und nach eigenem Gusto herleiten.

Lektorat light oder intensive Arbeit am Text? Samt- oder Boxhandschuhe – Sie haben die Wahl

Zu vergessen ist auch nicht, dass Lektor/innen ganz unterschiedlich stark in Texte eingreifen. Ich persönlich muss das Gefühl haben, dass der Text „läuft“. Es geht dann weniger darum, das Geschriebene in eine andere Richtung zu biegen, sondern innerhalb seiner eigenen Range eine stilistische Einheitlichkeit herzustellen, also zu schauen, wo der Text plötzlich aus dem gefundenen Schema ausbricht. Allein, solche Regeln gelten für Gebrauchstexte; würde ich einen Roman lektorieren, der bewusst experimentieren und brechen will, müsste ich schon wieder ganz anders anfangen. Kontext is king, sozusagen, und auch die größte Herausforderung für Korrektursoftware, die Stilverbesserungen anbietet. Aber nicht immer kann ich einfach so drauf loshauen. Manchmal liegt es an Befindlichkeiten des Autors bzw. der Autorin, manchmal sind starke Eingriffe schlichtweg nicht erwünscht und nötig. Dies kann der Fall sein, wenn man immer noch stark die Tonalität des ursprünglichen Textes behalten will, also maximal eine leichte Glättung erlaubt ist. Dann heißt es: lektorieren mit Samthandschuhen.

Personality: Lesen Sie Lektoren wie ein Buch

Was aber bedeutet dies alles für die Frage nach einem guten Lektorat? Wie geraten Sie an die Lektorin, die am besten zu Ihrem Text passt? Wie finden Sie den Lektor, der Ihren Vorstellungen am Nächsten kommt? Ich bleibe dabei: Einen festen Katalog kann ich Ihnen nicht an die Hand geben. Es kann sogar sein, dass eine hervorragende Lektorin ein paar Rechtschreibfehler auf Ihrer Website hat, ein astreiner Korrektor Ihren Text dafür stilistisch verwässert. Weil nur ein gewisser Teil des Lektorats Handwerk ist und sich dieses Handwerk wie bereits beschrieben nur schwer qualitativ vergleichen lässt, sollten Sie auf das passende Gesamtpaket achten. Wenn Sie blumige Texte hassen, lassen Sie das Lektorat mit eher floral geprägtem Websitedesign und einem Hang zu Schnörkelschrift aus. Reichen Sie Ihre Unternehmensbroschüre nicht unbedingt dort ein, wo es sonst vor allem um Selfpublisher und Genreromane geht. Erwarten Sie nicht von einer Korrekturplattform, die sich an Studenten und Studentinnen richtet, dass Sie dort hervorragende Arbeit zu günstigen Preisen bekommen. Bei Freelancern hingegen kann es sein, dass die Kapazitäten gerade nicht da sind oder Ihnen das Lektorat zu teuer vorkommt.
Im BWL-Studium habe ich gelernt: Maximale Qualität zum günstigsten Preis – das geht nicht. Sie können maximal eine bestimmte Qualität zu einem festen Preis bekommen. Billig ist jedoch nicht automatisch schlecht, teuer nicht automatisch gut; der Preisvergleich ist einfach ein wichtiger Bestandteil des Bewertungspakets.

Reden ist Gold, und Sympathie sorgt für gute Texte

Im Endeffekt ist es also wie so oft: Sie sehen erst am Ende, was wirklich herauskommt, wenn Sie nicht gerade vorab ein Probelektorat vereinbaren oder sich sehr früh zeigen lassen, in welche Richtung die Überarbeitungen gehen. Beides ist möglich. Ansonsten verlassen Sie sich am besten auf Ihr Gefühl und Ihren Verstand: Sympathie und gegenseitige Wertschätzung führen allein schon in fast allen Fällen zu besseren Texten. Und vergessen Sie auch nicht, zu sagen, was Sie gern hätten und worauf Sie Wert legen. Durch klare Absprachen lassen sich Enttäuschungen am einfachsten vermeiden. Ich wünsche Ihnen in jedem Fall das beste Lektorat für Ihr Projekt. Gut geschriebene Texte kann es schließlich nie genug geben.

Doch noch eine Art Checkliste

Ein paar kurze, subjektive Überlegungen, die Sie bei der Suche nach einem guten Lektorat unterstützen sollen.

  1. Kontext is king: Suchen Sie den richtigen Lektor bzw. die richtige Lektorin für Ihre Art von Text.
  2. Vertrauen Sie auf Ihr Bauchgefühl. Sympathie ist Trumpf.
  3. Fordern Sie ein Probelektorat an oder lassen Sie sich früh erste Ergebnisse zeigen.
  4. Kommunizieren Sie klar, was Sie sich vom Lektorat wünschen und für den Text erhoffen.
  5. Suchen Sie nicht das günstigste Angebot, sondern dasjenige, das Ihnen für Ihre Vorstellungen angemessen erscheint.

Titelbild: Volkan Olmez on Unsplash

Bürourlaub vom 23. Dezember 2019 bis 6. Januar 2020

Ein paar Tage hat 2019 noch, aber ich verabschiede mich bereits heute von Ihnen für dieses Jahr. Ich bedanke mich für die vielen spannenden und interessanten Projekte, durch die ich in den letzten 12 Monaten wieder eine Menge Neues ganz nebenbei kennengelernt habe – einer der vielen Vorteile meines schönen Berufes.

Allen Besuchern und Besucherinnen meiner Website, Kunden und Kundinnen, Kollegen und Kolleginnen wünsche ich ein besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Und wenn es dann so weit ist, natürlich auch ein gesundes neues Jahr. Ich hoffe, wir begegnen uns bald wieder.

Ich bearbeite eingehende Anfragen ab dem 6. Januar 2020, kann Ihnen für größere Projekte aber erst wieder Kapazitäten ab März 2020 einräumen.

Beitragsbild: Photo by erin walker on Unsplash

Zurzeit oder zur Zeit? Wann wird getrennt, wann zusammen geschrieben?

Zurzeit oder zur Zeit? Ja, Zeit ist nicht nur in Sachen Rechtschreibung ein Thema. Sie ist relativ, schleicht grundsätzlich in Wartezimmern und vergeht in den schönsten Momenten dafür viel zu schnell. Sie beschäftigt uns zeitlebens von morgens bis abends, aber auch mancher antike Grieche erlebte dank der Sonnenuhr die <class=“teaserunderline“>Zeit seines Lebens.

Aber Moment, zurzeit, zur Zeit … und dann gibt es da ja auch noch zeitlebens und Zeit seines Lebens. Wo liegen die Unterschiede? Was ist richtig, was falsch? Tatsächlich sind in diesen Fällen verschiedene Schreibungen möglich. Es kommt auf den Satzkontext an. Wie genau sich die Schreibweisen unterscheiden und welche Regeln Sie kennen sollten, dies erkläre ich in diesem Beitrag.

Zurzeit – zur Zeit

Nein, Sie müssen jetzt nicht ewig scrollen und herumsuchen, bis Sie eine Antwort auf die Frage aus dem Titel finden. Die Auflösung liefere ich Ihnen gleich an dieser Stelle. Die Unterscheidung ist glücklicherweise nicht besonders kompliziert und lässt sich leicht merken.

Im hier und jetzt: Zurzeit wird zusammengeschrieben

Mit der Zusammenschreibung von zurzeit trifft man eine Aussage über die Gegenwart, über die aktuelle Situation. Man verwendet dafür eine zusammengesetzte Form: Mir geht es zurzeit recht gut. Die Lage ist zurzeit recht angespannt. Geht es darum, was gerade passiert, wird zurzeit also ausnahmslos zusammengeschrieben. Die Regel lässt sich aber nicht generell auf andere Schreibweisen übertragen: Bei derzeit greift sie noch, bei vorzeiten (irgendwann vor langer Zeit) hingegen nicht.

Die Vergangenheit fest im Blick: deshalb wird zur Zeit getrennt geschrieben

Die Lage war zur Zeit von Kaiser Nero recht angespannt. Wenn etwas über die Vergangenheit ausgesagt werden soll, dann trennt man bei zur Zeit beide Wörter. Der Schwerpunkt liegt auf dem Substantiv. Denn man könnte auch sagen: zu der Zeit. Die Dampfmaschine wurde zur Zeit der Industrialisierung erfunden. Ähnliches gilt auch für Wendungen wie zu meiner Zeit oder zu jener Zeit. Hier ist zurzeit also nicht richtig.

Zu seiner Zeit, aber: seinerzeit; die Zeit seines Lebens, aber: zeitlebens

Es ist am einfachsten, wenn Sie sich eine grundsätzliche Unterscheidung vergegenwärtigen. Bei Formen wie seinerzeit oder zeitlebens handelt es sich um Zusammensetzungen (Adverbien). Er war zeitlebens zufrieden. Zeitgleich kamen beide an. Die Großschreibung findet sich bei eigenständigen Substantiven. Das war die beste Zeit seines Lebens. Es ist Zeit, wir müssen los. Die gegnerische Mannschaft erzielte einen Glückstreffer – und spielte dann auf Zeit. Auf der Grenze bewegt sich zeitsparend, das auch als Zeit sparend geschrieben werden kann.
Wenn ich also am Anfang erwähnt habe, dass Zeit relativ ist, so scheint dies nur auf den ersten Blick auch auf die Getrennt- und Zusammenschreibung zuzutreffen. Während man seinerzeit als zusammengesetztes Wort kleinschreibt, gilt bei zu seiner Zeit die Großschreibung, weil Zeit hier als Substantiv aufgefasst wird.

Zusammenfassung: Zur Zeit und zurzeit – das ist in Sachen Rechtschreibung zu beachten

Zur Zeit wird getrennt geschrieben, wenn es sich auf die Vergangenheit bezieht. Hier steht das Substantiv im Fokus, also zu dieser Zeit. Zur Zeit der Industriellen Revolution war an Urlaub noch nicht zu denken.

Zurzeit wird zusammengeschrieben, wenn es als zusammengesetztes Wort den aktuellen Augenblick meint. Zurzeit bin ich im Urlaub.

Titelbild: petradr on Unsplash

Vollbeschäftigung

Rien ne va plus: Dank treuer Stammkunden und großer Einzelaufträge bin ich im Moment voll ausgebucht. Vielen Dank!

Ein wirklich gutes Gefühl, sich so vielen verschiedenen Themen und Aufträgen widmen zu dürfen. Auch deshalb bin ich bislang nicht dazu gekommen, seit meinem Septemberurlaub einen neuen Blogartikel zu schreiben. Obwohl mich die beiden Wörter „Hauptsatz“ und „Nebensatz“ seitdem ständig umkreisen.

Immerhin: Im Dezember habe ich noch Restkapazitäten, falls Sie noch ein kürzeres Lektorat oder einige Texte beauftragen möchten. Ab März 2020 widme ich mich wieder gern all Ihren großen und kleinen Projekten.

Titelfoto: Garrhet Sampson on Unsplash

Je mehr … desto, je mehr … umso: Was ist richtig?

Kennen Sie das auch? Je mehr Sie über eine Sache nachdenken, desto unsicherer werden sie und desto mehr Fragezeichen springen Ihnen vor den Augen herum. Oder würde man eher schreiben: Je mehr, umso …? Oder sogar: Umso länger … umso? Heute zeige ich Ihnen, wann man umso, desto usw. in Verbindung mit je verwendet.

Die Grundregel lautet, dass Sie entweder umso oder desto unsicherer werden, je länger Sie über die Schreibung eines bestimmten Wortes nachdenken. Mir geht es übrigens mit der Aussprache so, wenn ich ein- und dasselbe Wort viele Male hintereinander laut ausspreche. Irgendwann fange ich an zu leiern. Je öfter, desto besser, ist also die korrekte Schreibweise, trifft aber im Leben nicht immer zu.

Ist es auch korrekt zu schreiben: Je kürzer, je besser?

Und was ist mit je – je? Diese Form gilt als überholt und nicht mehr als allzu gebräuchlich. Es spricht aber trotzdem nichts dagegen, sie zu verwenden. Besonders bei kurzen Verbindungen wie dem eben angesprochenen je öfter, je besser. Denn auch veraltete Formulierungen müssen nicht immer hinter dem Ofen versauern, ganz nach dem Motto: Je oller, je doller. Es kommt in jedem Fall auf den Text an. Sachlich nüchterne Anschreiben würden sich schwerer damit tun als eine schwungvoll geschriebene Geburtstagskarte. Abseits von der korrekten Rechtschreibung handelt es sich bei diesem Fall also eher um eine stilistische Frage.

Und was ist mit umso – umso?

Auch wenn die Formulierung nicht unbedingt falsch klingt, braucht es immer den Bezug auf die Konjunktion je. Sie können also nicht schreiben: Umso länger ich darüber nachdenke, umso unsicherer werde ich. Auch umso länger … desto funktioniert nicht. Richtig sind allein die oben beschriebenen Varianten von je … umso, je … desto und je … je.

Wann steht ein Komma bei je – umso, je – desto, je – je?

Die gute Nachricht zum Abschluss dieses Beitrags: Ein Komma wird in diesen Fällen immer gesetzt. Es gibt also keine Ausnahmen und keine Kann-Regeln. Je mehr ich über die Kommasetzung nachdenke, desto einfacher wird sie. Je länger ich hier auf den Frühzug warte, umso kälter wird mir. Aber dein Motto ist doch: Je früher, je besser!?

Zusammenfassung

Je nach Gusto können Sie umso, desto oder in bestimmten Situationen auch je schreiben. Je länger ich lebe, umso mehr vergesse ich. Je öfter ich anrufe, desto weniger habe ich zu erzählen. Je früher, je besser. Ein Komma wird immer gesetzt.

Titelbild: Emily Morter on Unsplash

Duden Mentor im Test: Was kann die Software?

Mit dem Duden Mentor gibt es eine Cloud-Software auf dem Markt, die Texte besser machen will. Ich habe mir auf Einladung des Duden Verlags angeschaut, ob Schreiber/innen so der richtige Weg gewiesen und zuverlässig geholfen wird.

Hinweis: Für diesen Test bietet mir der Duden Verlag einen kostenlosen sechsmonatigen Mentor-Nutzungszeitraum im Wert von 89 Euro. Ich hatte das Thema allerdings auch selbst auf der Agenda und hätte in jedem Fall einen Artikel verfasst.

Wenn Lektoren sich zu ihrem maschinellen Ersatz äußern sollen, steht das Urteil fest, oder? Nicht unbedingt. Ich bin durchaus interessiert, was Programme im Bereich Rechtschreibung und Sprache momentan leisten können. Deshalb hatte ich mich mit dem Thema schon in einem Beitrag zur automatischen Korrektur von Texten befasst. Zu dieser Zeit stand allerdings nur die Betaversion des Duden Mentors zur Verfügung. Nun ist die Premiumversion schon eine Weile online. Zeit für einen zweiten Blick.

Grundsätzlich kann man den Duden Mentor kostenlos nutzen. Dann aber nur mit 800 bzw. registriert mit 1500 Zeichen Prüfungsumfang und Werbung. Auch alle Premium-Funktionen wie die Stilverbesserung fehlen, die den Mentor erst zum Mentor machen. Ich beziehe meine Besprechung daher auf die Bezahlversion des Duden Mentors. Eine gute Übersicht, was welche Version bietet, finden Sie in einem Beitrag zum Duden Mentor auf Planet Text. Dort wird vor allem auch konkret auf das Handling beim Schreiben im Mentor-Fenster eingegangen. Ich prüfe Texte vorrangig über Copy and Paste, schreibe sie also vorher in einem anderen Programm und füge sie zum Testen ein.

Der Testsatz

Im damaligen Beitrag zur Autokorrektur hatte ich einen Testsatz verwendet, den ich natürlich auch hier wieder ausprobiere.

Ich heiß Christiann un wohhne in Potsdam. Heute, teste ich mal dieses Tool. Um das zu verstehen muss ich mich damit rumschlagen. Oke, jetz heißt es wohl abschiednehmen.

Das Ergebnis ist okay. Im Gegensatz zur Betaversion erkennt der Duden Mentor inzwischen die Kommafehler bei Heute und um. Weiterhin funktioniert nicht, für ein un ein und vorzuschlagen (Mentor-Empfehlung: nun). Auch aus Oke wird kein O. K. bzw. Okay (Mentor-Empfehlung: Ode). Schließlich kennt der Duden Mentor auch die korrekte Form Abschied nehmen nicht, er schlägt die falsche Substantivierung vor, es heißt aber nicht jetzt heißt es wohl [das] Abschiednehmen, sondern Abschied [zu] nehmen. Diesen Fehler habe ich übrigens schon vor einer ganzen Weile auch auf einem Edeka-Laster ausgemacht.

So interpretiere ich das Ergebnis

Wenn man die Korrekturleistung unter die Lupe nimmt, fällt auf, dass der Duden Mentor den Text sehr wahrscheinlich noch nicht überblicken kann. Seine Korrekturvorschläge basieren nicht vorrangig auf der Syntax oder der Grammatik, sondern auf Wort-Ähnlichkeiten. Das heißt, das Programm prüft nicht, ob beim ersten Satz eine Konjunktion wie und gefordert ist, sondern es versucht, ein Wort mit möglichst großer Nähe vorzuschlagen, da das Wort un nicht bekannt ist und somit nicht richtig sein kann. Nutzer/innen können sicher die richtige Form selbst finden, ihnen reicht der Hinweis. Anzumerken ist hierbei, dass auch die in Microsoft Word enthaltene Rechtschreibprüfung und andere Korrekturprogramme solche Fehler problemlos finden.

Beim Abschiednehmen ist die Sache weit schwieriger. Denn die Bildung von Substantivierungen bzw. die Unterscheidung, ob eher eine Infinitivform mit zu vorliegt, erfordert Kenntnisse, die Nutzer/innen ganz bestimmt von einer Software wie Duden Mentor erwarten. Wenn aber die falsche Form als die richtige vorgeschlagen wird, verfehlt die Software ihr Ziel. Das zeigt sich auch sehr deutlich bei einem weiteren Beispielsatz: Weder Mit ihm war nicht gut Kirschenessen noch Mit ihm war nicht gut kirschenessen wird als falsch angezeigt. Die einzige korrekte Form ist allerdings Mit ihm war nicht gut Kirschen essen. Denn man sagt wiederum nicht: Mit ihm war nicht gut [das] Kirschenessen.

Korrekturleistung: durchschnittlich

Damit eine Korrektur als zuverlässig angesehen werden kann, müssen Entscheidungen begründbar und nachvollziehbar sein. Da sich Duden Mentor grundsätzlich nur auf allgemeine Regeln bezieht und dem Nutzer bzw. der Nutzerin die Korrekturentscheidung überlässt, ist dies beim Korrigieren nicht automatisch gegeben. Denn Nutzer/innen müssen immer erst interpretieren, wie die vorgeschlagene Regel auszulegen ist und ob eine Korrektur daher infrage kommt.

Außerdem sollten bei einer Korrektur nach Möglichkeit keine neuen Fehler in den Text kommen. Bei der Arbeit mit dem Duden Mentor fiel mir ein schönes Beispiel für diese Problematik auf. Duden Mentor strich „Tipping Point“ als falsch an und empfahl mir das Wort „Tippping Point“, einer allgemeinen Regel folgend. Das Problem ist, dass die Software nicht identifizieren konnte, dass es sich hierbei um ein Lehnwort aus dem Englischen handelt und eben nicht um ein deutsches Wort. Die Regel passt daher einfach nicht. Es ist zu vermuten, dass Texte mit vielen Wortneuschöpfungen – also Neologismen – oder fremdsprachlichen Lehnwörtern dem Duden Mentor Probleme bereiten.

Die Kür? Test der Stilprüfung

Wenn man sich nicht mit sprachlichen Finessen und Kleinigkeiten aufhalten will, kann man sich auch einem größeren Thema zuwenden, dem Stil. Denn mit der Namensgebung Mentor intendiert Duden ja eine ganz bestimmte Fähigkeit. Im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache finden sich auf der entsprechenden Seite die Bedeutungen „erfahrener Lehrer“ bzw. „Ratgeber, Berater, väterlicher Freund“. In diesem Sinne soll der Mehrwert also vor allem im Bereich der Text-Expertise generiert werden.

Das passt durchaus zum neuen Image des Dudens, der weniger als Verlag, sondern als digitales Kreativunternehmen auftreten will. Viele aktuell im Verlag erscheinende Titel zielen augenscheinlich eher auf das kreative Ratgeber-Segment ab. Nicht mehr nur richtig, sondern vor allem besser, erfolgreicher, zielgruppengerechter zu schreiben ist das Motto.

Bestimmte analytische Verfahren und Mechaniken sollen Texte besser lesbar machen. Auch hier geht es, so viel sei vorweg gesagt, vor allem um Regelmäßigkeiten. Anders als ein Mentor, der sich ja gezielt um die Probleme seiner Schützlinge kümmern kann und vor allem ihren Wissens- und Leistungsstand kennt, arbeitet der Duden Mentor – wie andere Software auch – nach dem Gießkannenprinzip. Ich möchte das an einzelnen Funktionen demonstrieren.

Füllwörter

Ja, Füllwörter sind vielleicht überflüssig. Nuancen braucht es nicht, zumindest nicht für die Software. Die Blätter eines Baumes sind grün, sie müssen nicht recht grün oder ein bisschen grün oder regelrecht grün sein. Die Krux am Wegstreichen des Überflüssigen ist, dass dafür nicht immer eine Notwendigkeit besteht (ja … nicht immer … auch so eine Füll-Aufweichung). Natürlich, weniger ist mehr. Aber Texte leben auch von der eigenen Sprache ihrer Schreiber/innen. Und häufig blitzt diese Sprache gerade in Nuancen und Füllwörtern durch. Nicht zu vergessen, dass es in Texten auch darum gehen kann, Umgangssprache zu imitieren, den Text direkt sprechen zu lassen.

Womit wir schon beim heiklen Thema wären, dass die stilistische Analyse nur dann sinnvoll ist, wenn vorher klar ist, ob gerade ein schnöder Amtsbrief, ein anregender Magazinartikel oder ein reißerischer Blogbeitrag geschrieben werden soll.

Was den Duden Mentor neben all dem ebenfalls stören würde: In meinem Beispielsatz stand viermal das Wort „grün“.

Wortwiederholungen

Ich gebe zu, das Markieren von sich wiederholenden Wörtern ist prinzipiell hilfreich. Es kann in einigen Texten die Qualität verbessern, indem verschiedene Wörter für die gleiche Sache einen größeren sprachlichen Raum schaffen. Im SEO-Bereich wird dann gern vom holistischen Schreiben gesprochen, die Ganzheitlichkeit ist also nicht mehr nur in der Heilkunde ein Renner. Bei der Arbeit mit dem Duden Mentor hat sich allerdings gezeigt, dass auch diese Funktion nicht immer zielführend ist.

So wurde mir im Text angestrichen, dass sich das Wort „Duden“ wiederholen würde. Leider würde es keinem Text helfen, einen solchen Eigennamen zu variieren. Noch mehr, es ist oft schlicht unmöglich. Denn ich kann natürlich auch „die Marke“, „der Verlag“ usw. schreiben, es wäre dann aber viel weniger holistisch, weil ich am ehesten einen Teilbereich des Konglomerats „Duden“ meine. Und nicht zuletzt heißt es eben nicht Müller Mentor oder Meier Mentor, sondern Duden Mentor (ja, richtig, der Mentor unterstreicht in diesem Satz das Wort „Mentor“ als Wortwiederholung).

Zweites Problem: Gerade bei Fachtexten und wissenschaftlichen Aufsätzen würde die Exaktheit unter der zwangsweisen Varianz leiden. Ich habe einen durchaus gut zu lesenden wissenschaftlichen Essay in den Duden Mentor eingespeist und mir fielen fast die Augen aus dem Kopf vor lauter farbigen Markierungen. Geschätzt waren 60 Prozent der Hinweise auf die Wiederholung von Wörtern bezogen. Ich habe die Begutachtung dann ziemlich schnell abgebrochen, weil sie in diesem Kontext einfach nicht zielführend war.

Zu lange Sätze

Ebenso wie sich wiederholende Wörter kann auch die Anzeige langer Sätze ein nützliches Feature sein. Ich neige beim Lektorieren zwar auch dazu, Sätze mit mehr als einem Komma rauszuschmeißen, ich kürze, stelle um usw. Aber ich tue es mit Augenmaß. Für einen guten Lesefluss ist es besser, wenn sich lange und kurze Sätze abwechseln. Zwar ist das Schreiben in Hauptsätzen oft ein Garant für Kürze, aber es wird schnell langweilig.

Ich stand auf. Ich wusch mich. Ich ging in den Garten. Ich rief meine Mutter. Sie kam heraus. Im Garten sahen wir die Katze. Dann kam Vater. Er sah die Katze auch.

Zweites Problem: Wann ist ein Satz zu lang? Bei der Arbeit mit dem Duden Mentor wurden mir völlig unkritische Sätze als zu lang angezeigt, weil sie eine bestimmte Zeichenzahl überschritten. Häufig resultiert die Unverständlichkeit von Sätzen aber nicht aus der bloßen Zahl ihrer Zeichen. Es geht dann eher um den Nominalstil, um Passivkonstruktionen, Kommaschachteleien und solche Dinge.
Ich behaupte, dieser Satz ist lang, aber durchaus gut lesbar:

Es war heute Morgen, als ich beschloss, mit der Bahn in die Stadt zum Einkaufen zu Werthof zu fahren und dort ein sündhaft teures Collier für meine Freundin Marie zu kaufen, die ich erst ein paar Wochen zuvor bei einem Kurzurlaub auf den Malediven kennengelernt hatte – eine tolle Frau!

Nun dieser Satz; fast genauso lang, aber schwerer lesbar:

Am Morgen war mein Entschluss gereift, die Bahn zu nehmen, um im Werthof ein sündhaft teures Collier zu erwerben, was ich meiner neuen Freundin Marie, einer tollen Frau, schenken wollte, die ich, ein paar Wochen zuvor, bei einem Kurzurlaub auf den Malediven kennengelernt hatte.

Die Länge eines Satzes entscheidet also nur bedingt über seine Lesbarkeit.

Nur online: schwierig

Halten wir fest: Bis hierhin bietet der Duden Mentor einige durchaus nützliche Funktionen, die aber momentan ungeübten Schreiber/innen kaum weiterhelfen.

Die Praxis wird nun aber noch weiter durch zwei Dinge erschwert: Alles muss online passieren – und man kann nur 40.000 Zeichen korrigieren lassen. Natürlich hängt beides zusammen. Die Prüfung eines längeren Textes kostet Rechenleistung und Zeit. Außerdem wird es schnell unübersichtlich. Aber gerade wer professionell mit fremden Texten arbeitet oder selbst lange Romane oder Erzählungen verfasst, hat oft einen größeren Korrekturbedarf. Da heißt es dann permanent: Copy and Paste.

Sicher sind auch Add-ins in Microsoft Word nicht ohne Probleme, aber sie ersparen einem immerhin das Wechseln zwischen verschiedenen Fenstern. Man muss nicht den Überblick behalten, was man gerade kopiert und eingefügt, korrigiert und wieder herauskopiert hat. Hinweise zu Software, die solche Add-ins bietet, gebe ich übrigens gleich bei der Besprechung des Preismodells.

Dass man heute immer einen Internetzugang findet, ist durchaus üblich. Trotzdem ist es ein Punkt, den man bei der Auswahl einer Korrektursoftware im Hinterkopf haben sollte. Der Duden Mentor funktioniert nur, wenn man online gehen kann.

Bezahlmodell: Der Preis ist hoch

Mit 14,95 Euro pro Monat ist der Duden Mentor nicht gerade billig. Schon für 19,95 Euro kann man sich zum Beispiel das Stilwörterbuch aus dem gleichen Verlag kaufen. Dort stehen noch einmal ausführlich die Tipps, die der Duden Mentor stoisch anwendet.

Im Vergleich zu anderer Software wird der Unterschied noch deutlicher. Die Vollversion des Duden Korrektors kostet einmalig 79 Euro, für Language Tool Plus zahlt man als Privatperson oder Selbstständiger 59 Euro pro Jahr bzw. 4,92 Euro pro Monat. Beide Programme bieten die eben angesprochenenen Add-ins für Microsoft Office. Und wenn wir gerade beim Thema sind: Microsoft Office 365, das von Haus aus eine inzwischen solide Rechtschreib- und Grammatikprüfung mitbringt, kostet 69 Euro im Jahr für Einzelanwender/innen.

Ich habe momentan nicht das Gefühl, dass der Duden Mentor so viel Mehrleistung erbringt, dass der Preisaufschlag gerechtfertigt wäre. Im Prinzip reicht die Office-Prüfung schon aus. Wer Wert darauf legt, nach Duden-Empfehlung zu schreiben, ist mit einer zusätzlichen Bezahlsoftware aber gut versorgt.

Das Fazit: Keine Empfehlung für den „Duden Mentor“

Mir genügt das alles nicht, um den Duden Mentor vorbehaltlos zu empfehlen. Generell finde ich Korrektursoftware zur Absicherung meiner Korrekturergebnisse sehr nützlich. Und auch der höhere Abopreis ist natürlich nichts gegen den Stundensatz eines freiberuflichen Lektors. Aber der Preis sollte sich doch in der Leistung der Software widerspiegeln, und das ist für mich nicht der Fall. Dafür sind die Entscheidungen und Empfehlungen des Duden Mentors oft zu weit weg vom konkreten Text. Der Nutzer muss am Ende die Entscheidungen selbst treffen und hat eben keinen Berater an seiner Seite. (Ich bin hier auch so kleinlich, weil der Duden in Sachen Naming natürlich eine besondere Reputation besitzt und damit größere Verantwortung trägt. Sprache sollte ja keine Hohlkammer und keine werbetechnische Luftnummer sein.)

Wer die groben Schnitzer ausbügeln will und verschmerzen kann, dass hin und wieder auch neue Fehler in den Text kommen, der kann guten Gewissens mit der Korrekturfunktion von Microsoft Word arbeiten. Und wer einen Hinweis auf die von Duden empfohlene Schreibweise braucht, kann gut und gern zum Duden Korrektor oder zu Language Tool Plus greifen. Beide Programme sind ebenfalls noch nicht perfekt, aber werden kontinuierlich weiterentwickelt und haben einen guten und schnellen Support.

Titelbild: NeONBRAND on Unsplash