Frühe Einsicht

Um ein Ceranfeld muss man sich ganz anders kümmern als um einen Gasherd, denke ich, während ich das grüne Schwammtuch unter fließendes Wasser halte. Ich habe natürlich im Internet gelesen, wie man ein Ceranfeld instand halten soll – tägliches feuchtes Abwischen ist die Grundlage. Der nächste Schritt ist ein Tropfen Spülmittel auf das Schwammtuch, härtere Verschmutzungen kann man mit Zitronensaft oder Backpulver angehen. Im Bereich der besonders hartnäckigen Verschmutzungen kommen ein Ceranfeldschaber oder gleich ein spezialisiertes Putzmittel zum Einsatz. Das Nachreiben mit einem Trockentuch ist in jedem Fall erforderlich, wenn man, wie es allgemein angenommen wird, einen streifenfreien Glanz erzielen möchte. Mit dem nächsten Kochvorgang wird das Ergebnis natürlich vollkommen zunichtegemacht, was niemanden verwundern kann, der sich mit dem Ablauf der Welt auch nur vage vertraut gemacht hat. Beim anstehenden Kongress schreibender Reinigungskräfte wird es daher auch darum gehen, die Frage zu klären, inwiefern das rhythmisierte Schreiben von Büchern in festgelegten Erscheinungsintervallen mit der Reinigung eines Ceranfeldes zu vergleichen ist. Dazu spricht Theodor Ott, Besitzer eines Putzmittelwerkes und Autor der Kriminalromane „Tödliches Wischwasser“ und „Der Mopp ist immer der Gärtner“.

Kreisrund ist alles, kreisrund

Das alles wiederkehrt, zirkulär, das vermute ich ja immer – eingedroschen ins Haupt wurde es mir beim Lesen von Andrei Belys Petersburg.

Ich komme darauf durch zwei kurze, eigentlich belanglos zu nennende Kleinigkeiten, die mich trotzdem immens vereinnahmten.[1]

Ich träume wieder. Jetzt, da ich drei von fünf Tagen mehr oder minder durchgeschlafen habe, die letzte Nacht von ca. zehn Uhr abends bis sieben Uhr morgens, zumal zu zweit, wie ehedem, kehren die Träume zurück. Ich brauche wohl eine gewisse Menge Schlaf, um mich meiner Träume entsinnen zu können. Um elf Uhr abends ins Bett zu gehen, bis sechs Uhr zu schlafen mit einer großen Unterbrechung oder gar halbwach zu liegen von fünf bis sechs Uhr morgens – ich erinnerte mich nur an die bewussten Zustände. Davon ab herrschte große Schwärze. Nun aber: wieder Träume. Sexueller Natur. Ich schämte mich beim Aufwachen beim Blick auf die im Bett neben mir liegende Betrogene, bis ich nach ein paar Minuten begriff, dass hier, in der wachen Welt, nichts vorgefallen war.
Hatte ich meine Träume vermisst? Nein, mir fiel erst bei ihrer Rückkehr auf, dass sie verschwunden waren. Was das über mich aussagt, müssen andere feststellen.

Die zweite Begebenheit: Am Abend zuvor hatte es so heftige Verwerfungen gegeben zwischen dem Kind und mir, dass ich, im Jähzorn bebend, drohte, mich baldigst aus dem Fenster zu werfen, es sich, in seiner infantilen Wut sich selbst zu überlassen. Es war eine dieser verhassten Sackgassensituationen, die Pädagogen geflissentlich übergehen, um einen, einmal mehr, ohne jede kluge, völlig nutzlose Sentenz zurückzulassen: Etwas, um das man nicht herummanövrieren kann, weder durch Ablenkung noch durch Vermeidung. Während ich also noch daran dachte, wie das Kind brüllend jede meiner Anstrengungen zu Nichte machte, es für das Bett vorzubereiten, während ich es in den Armen der eilig aus der Ferne herbeigerufenen Mutter schluchzen hörte, begann ich, in Eifer und Wahn, zwischen Wut, Trauer, Ohnmacht und Hilflosigkeit hin- und hergerissen, die aus dem Suchbegriff „Kind rastet bei Papa völlig aus“ resultierenden Seiten abzusurfen, mir Trost, Linderung, Verständnis erhoffend. Es gab natürlich keine Lösung, es gab nur andere schreiende Kinder, die jenseits jeder Vernunft zu toben schienen. Ich aber entsann mich meiner großen Suchmaschinenphase zwischen dem 1. und 6. Monat, ehe das Bedürfnis, alles verstehen und einordnen zu können, den Erfahrungen, Gewohnheiten, kurz: dem Alltag entsprechend, zu schwinden begann. Das Gefühl, Bescheid zu wissen, in geübt-väterlicher Weise gleich einem genialischen Feldherr die Szenerie bis zum Horizont überschauen und durchdringen zu können, war mit der nicht anzulegenden Windel dahin. Nackt und dumm stand ich da, enttäuscht von meinem Unvermögen, wieder am Anfang vollkommener erzieherischer Inkompetenz.

Es wird nicht der letzte Rückfall, die letzte neuerliche Begegnung gewesen sein.

[1] Was mich beim Schreiben schließlich selbst verwunderte, verläuft mein Leben doch momentan gleich- und kreisförmiger denn je.

Nicht bei Poco

Die Sache war die: Ein paar neue Teppiche mussten her für die neue Wohnung. Unser altes „Keine Werbung bitte“-Schild hatte den Umzug nicht überstanden: So lag also am Samstag ein Infopostpaket auf unserer Schwelle und darin Werbung, die, Übermüdung hin, Plastediskussion („Kann man das nicht ohne Einschweißen ausliefern?“) her, von mir gelesen werden musste.

Was gab es da nicht alles: Kaufland, Penny, Real, Reichelt. Wurst und Kaffee und Schnaps. Mir gingen schier die Augen über. Und dann der Poco-Prospekt. Ich meine: Katzenberger. Und dann hieß es gleich: „Da kaufst du nicht.“ Aber es gab ja Schnäppchen. Schnäppchenmäßige Langflorteppiche. Schnäppchenschränke. Schnäppchensachen überhaupt, soweit das Auge reichte. Was kann schon verkehrt sein an Schnäppchen?

Wir hatten schon bei Möbel Kraft gekauft und ich war einmal bei Roller am Halleschen Tor. Sonst natürlich viel Ikea. Ich bin kein riesengroßer Ikea-Fan. Aber mein Roller-Erlebnis hatte mich in jeder Hinsicht ernüchtert. Es hätte mir eine Mahnung sein müssen. Damals habe ich ein Regal gekauft. An der Kasse bezahlt, dann raus aus dem Gebäude, 900 Meter laufen, bis man zur Rückseite gelangte, dann in ein Kabuff, wo ein Mann rauchend meinen Zettel nahm und zwanzig Minuten später mit dem Paket auftauchte. Aber die Zeit macht vergesslich. Und warum sollte es bei Poco nicht anders sein? Wie war das noch mit den Vorurteilen?

Ich fahre mit dem Auto – will auch noch einen phänomenal günstigen Schrank für 40 Euro mitnehmen. Und den kriege ich nicht in den 181er rein. Bin damals schon fast gestorben im Bus mit dem 20-Kilo-Paket von Roller.

Beim Möbelhaus angekommen, es ist ein verwitterter, hässlicher Betonblock, folge ich dem schmalen Schild, auf dem „Kundenparkplatz“ steht. Nach der völlig zugeparkten Ladezone und Warenausgabe sehe ich ihn, als ich um die Ecke biege: Die zehn Plätze sind belegt. Wie die meisten anderen auch parke ich also beim benachbarten Penny. Angekommen im Land der Schnäppchenjäger. Verheißungen der Prospekte. Alte Lidl-Erinnerungen kommen wieder hoch, Wunden reißen auf. Unvergessen die Rabattschlachtfelder, das Getümmel: Blut, Spiele, spritzende Gischt des Speichels. Tumulte über den Damen-Slips aus Jersey-Baumwolle. Ich nehme die Poco-Metall-Treppe, eine abenteuerliche Konstruktion, und betrete den Laden durch lädierte Schiebetüren. Möbelstück reiht sich an Möbelstück. Alles normal soweit. Auch andere Kunden sind auf der Jagd. Weiter hinten im Erdgeschoss gibt es die Teppiche. Sie sind von phänomenal schlechter Qualität. Der Langflor zottelt vereinzelt und wild vor sich hin. Schwer zu beschreibende braune Muster liegen auf einer Farbe, die Grau sein könnte. Überhaupt ist nur wenig von den Farben aus dem Prospekt zu sehen. Aber auch das ist ja nicht neu. Kann und will ich nicht kaufen. Eine Frau sagt: „Können Sie mir den Teppich hier rausheben?“ Ich hebe und sage nichts. Dann schaue ich mich um. Die besseren Teppiche im Hauptverkaufsraum kosten, das recherchiere ich kurz im Internet, genauso viel wie überall. Auch das ist Schnäppchenjäger-Alltag. Nun also der Schrank.

Im dritten Stock suche ich einen Moment. Das Modell Montego-Serano-Eiche ist um 10 Euro reduziert. 39,90. Ich schaue mir das Ausstellungsstück an. Die linke Tür hängt leicht tiefer als ihr rechtes Pendant. Am Boden ist die Beschichtung aufgebrochen, ebenso an der Rückwand, wo die Nägel kreuz und quer herausstehen. Ich kenne diese Fummelei. Aber wenn es die Mitarbeiter von Poco nicht schaffen, ihren eigenen Mist halbwegs vernünftig aufzubauen, und die sollten sich ja auskennen …

Nun, wo ich schon da bin, sollte ich dann nicht zuschlagen? Wo kriege ich sonst wieder einen Schrank her? Mit leeren Händen nach Hause, dann ein neuer Anlauf zu Ikea? Ich nehme das Bestellschild aus der Klarsichthülle. Unten kaufen, mir einen Parkplatz vor der Warenausgabe suchen, dort herumstehen, bis mir ein Poco-Mitarbeiter das Paket rauswuchtet? Ich stecke das Bestellschild wieder in die Klarsichthülle. Ich wiege vor und zurück. Irgendwo läuft ein Poco-Mitarbeiter in der Entfernung. Ich ziehe das Schild heraus. Stecke es wieder hinein. Gehe nach unten – ohne Schild.

Bei Penny kaufe ich Buitoni-Nudeln zu 66 Cent die Packung im Angebot und ein graues Spannbettlaken, 1,80 x 2 Meter. Eine Frau fährt mir im Kassenbereich mit dem Einkaufswagen in den Hintern. Hinter der Kassiererin, die mit Eile die Waren über den Scanner jagt, hängt ein Plakat, das für die Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau (und natürlich zum männlichen Pendant) bei Penny wirbt. Eine junge Frau beugt sich da, das Mikrofon in der Hand, weit nach vorne. Sie sieht aus, als wäre sie gerade durch das Verwandlungstor der Mini-Playback-Show gegangen.

Schnäppchenjäger bei Poco, Rockstar bei Penny – ich, der ich in meinem selbst gewählten Biotop vor mich hinlebe, habe ja viel zu wenig Ahnung, was da draußen wirklich los ist.

Den Schrank habe ich übrigens immer noch nicht.

Die Teppiche online bestellt – nicht bei Poco.

Sonntag, zehnter Januar 2016

Im Stadtpark liegt ein Eispanzer auf den Wegen, angetaut und überfroren. Reste pulvrigen Schnees geben Halt, man muss an den Rändern laufen. Die Teiche sind zugefroren, das Eis voller Furchen und Spuren: Katzenpfotenabdrücke, Eindellungen, Risse, zwei geschwungene, parallel verlaufende Vertiefungen, wie von Schlittenkufen. Das kann ja durchaus sein, so Verrückte gibt es ja nicht wenige. Ein paar Flaschenböden ragen aus dem Eis, ein Flasche liegt dunkel auf der Fläche wie ein totes Tier. Die Enten, die ihre Bahnen hier sonst ziehen, sind verschwunden, wir sehen sie später auf dem Kanal, da fließt das Wasser, ist es eisfrei. Ein wilder Haufen, der uns ankrakeelt. Wir aber füttern nicht, wir haben nichts, wir geben nichts. Die Enten machen weiter Radau, das hören wir beim Gehen. Leiser, leiser wird das Geschnatter. Dann knirscht nur noch der Splitt unter den Sohlen.

Es ist die Zeit

Nun seit fast zwei Monaten nicht mehr richtig geschrieben mit Ausnahme von Rudolstadt. Dabei lief es so gut am Anfang, dachte ich, mit genug Einsatz und Willen geht das so nebenher. Die Erlösung war angedacht für die Kita-Zeit. Dann würde ich endlich den Roman schreiben! Aber nach der Eingewöhnung, ständig den Gedanken an den Roman im Kopf, kam die Zeit der ersten Krankheit. Und ist noch immer da.

Man denkt sich das ja abstrakt, dass diese Dinge da sein werden. Und dann steht man wieder Mittags vor dem Kindergarten und holt das Kind ab, das schmale Rotzbalg, das einem, je nach Winkel, auch dick vorkommen kann, und trottet nach Hause. Es ist noch nicht die Zeit der großen Entwürfe, des Vortriebs mitten in den Rohstoffberg hinein. (JA, ICH HABE FAUSER GELESEN. Ich wollte auch etwas dazu schreiben. Aber das Klümpchen Text liegt seit dem ersten Aushub unberührt im Ordner.)

Es ist die Zeit der Rotzblasen. Der Durchfallbilder, die die Menschen in Massen ins Internet stellen. Es ist ganz einfach, man nimmt die Durchfallskala in die Hand und geht die Farben ab, legt sie an die Windel an: ein fahles Hellgelb, ein kräftiges Goldgelb, Rot- oder Purpurtöne oder ein Stich ins Grüne. Man macht sich mal mehr, mal weniger Sorgen. Es ist die Zeit des Erbrechens und damit der Muße. Liegt man nicht darnieder, betrachtet man stoisch Enten und Bagger und Lastwagen und Busse. Man wundert sich, wann die Busse, diese ganzen grellgelben Konstruktionen, zur Normalität geworden sind, auf die man nicht mehr zeigen muss mit einem fröhlichen „Da“. Man sitzt am Mittagstisch und man denkt sich: „Ja, das ist jetzt der Höhepunkt des Tages, diese Kirschgrütze. Phänomenal.“ Und ehe man sich erregen, ausrufen kann: „Es war doch früher alles besser“, denkt man daran, wie man einst, jünger, unschuldiger, die neuesten Erfolgsmeldungen verhasster Konkurrenten in der Hand, mit Tränen in den Augen auf die großen Puddingwannen in der Mensa zusteuerte, sie um Trost und Erlösung suchend, anging. Sahne-, Schoko-, Vanille-, Mandelpudding. Ein Schälchen war immer drin.

Montag, dritter August 2015

Am Abend hängt der Kirchturm schief vom vielen Läuten am Sonntag. Viertelstündlich geht das so,
hämmert das Glockenwerk sich durch den Park, hinein in bellende Hunde und schreiende Kinder.
Der Schwan, die Enten zupfen aus der Wiese Grün. Vier Eichhörnchen kreuzen den Weg. Man sagt
das bringt Glück … dem Fuchs vielleicht. Doch doch. Und doch: Welch Glück, geliebt zu werden. Vier
Männer gehen im gleichen Schritt, sie wippen auf und nieder, der Tormann dort im grünen Dress,
der duftet immer wieder. Lieder, Flieder, Tauchsieder. Meine Mutter. Mein Fresse. Meine Esse. Die
Temperatur fällt in einer Stunde um eins Komma sieben Grad.
Ist es denn die Möglichkeit?
Ich weiß es nicht.
Es ist ja keine Saharahitze, sondern ganz normale, glaube ich.
Wie wahr.
Zum Morgen: Als der Mann durch die Wand schrie, die Ruhe am Sonntag einfordernd. Ja, das
können sie, die Mitternachtseulen. Und ich überlege eine Weile, das ist ja gar nicht so einfach, eine
Kolumne über die Metamorphose zu schreiben, da kann man ja ganz altväterlich mit Ovid einrücken
und zwölf Mann – dem nehmen wir die Bude auseinander! Aber Halt. Moment mal. Kann doch aus
dem schratigen Dichterkauz ein feiner Falter werden, ein schillernder Schwan, ein federnder Pfau …
Wau, macht der Hund. Damit ist es, glaube ich, genug. Die Sprache klingt noch etwas nach, ein paar
Wellen kräuseln sich auf der Oberfläche des Wasserglases, dann wird es still, so still, wie es eben
sein kann, nachts um zehn in der hochsommerlichen Stadt.