Kreisrund ist alles, kreisrund

Das alles wiederkehrt, zirkulär, das vermute ich ja immer – eingedroschen ins Haupt wurde es mir beim Lesen von Andrei Belys Petersburg.

Ich komme darauf durch zwei kurze, eigentlich belanglos zu nennende Kleinigkeiten, die mich trotzdem immens vereinnahmten.[1]

Ich träume wieder. Jetzt, da ich drei von fünf Tagen mehr oder minder durchgeschlafen habe, die letzte Nacht von ca. zehn Uhr abends bis sieben Uhr morgens, zumal zu zweit, wie ehedem, kehren die Träume zurück. Ich brauche wohl eine gewisse Menge Schlaf, um mich meiner Träume entsinnen zu können. Um elf Uhr abends ins Bett zu gehen, bis sechs Uhr zu schlafen mit einer großen Unterbrechung oder gar halbwach zu liegen von fünf bis sechs Uhr morgens – ich erinnerte mich nur an die bewussten Zustände. Davon ab herrschte große Schwärze. Nun aber: wieder Träume. Sexueller Natur. Ich schämte mich beim Aufwachen beim Blick auf die im Bett neben mir liegende Betrogene, bis ich nach ein paar Minuten begriff, dass hier, in der wachen Welt, nichts vorgefallen war.
Hatte ich meine Träume vermisst? Nein, mir fiel erst bei ihrer Rückkehr auf, dass sie verschwunden waren. Was das über mich aussagt, müssen andere feststellen.

Die zweite Begebenheit: Am Abend zuvor hatte es so heftige Verwerfungen gegeben zwischen dem Kind und mir, dass ich, im Jähzorn bebend, drohte, mich baldigst aus dem Fenster zu werfen, es sich, in seiner infantilen Wut sich selbst zu überlassen. Es war eine dieser verhassten Sackgassensituationen, die Pädagogen geflissentlich übergehen, um einen, einmal mehr, ohne jede kluge, völlig nutzlose Sentenz zurückzulassen: Etwas, um das man nicht herummanövrieren kann, weder durch Ablenkung noch durch Vermeidung. Während ich also noch daran dachte, wie das Kind brüllend jede meiner Anstrengungen zu Nichte machte, es für das Bett vorzubereiten, während ich es in den Armen der eilig aus der Ferne herbeigerufenen Mutter schluchzen hörte, begann ich, in Eifer und Wahn, zwischen Wut, Trauer, Ohnmacht und Hilflosigkeit hin- und hergerissen, die aus dem Suchbegriff „Kind rastet bei Papa völlig aus“ resultierenden Seiten abzusurfen, mir Trost, Linderung, Verständnis erhoffend. Es gab natürlich keine Lösung, es gab nur andere schreiende Kinder, die jenseits jeder Vernunft zu toben schienen. Ich aber entsann mich meiner großen Suchmaschinenphase zwischen dem 1. und 6. Monat, ehe das Bedürfnis, alles verstehen und einordnen zu können, den Erfahrungen, Gewohnheiten, kurz: dem Alltag entsprechend, zu schwinden begann. Das Gefühl, Bescheid zu wissen, in geübt-väterlicher Weise gleich einem genialischen Feldherr die Szenerie bis zum Horizont überschauen und durchdringen zu können, war mit der nicht anzulegenden Windel dahin. Nackt und dumm stand ich da, enttäuscht von meinem Unvermögen, wieder am Anfang vollkommener erzieherischer Inkompetenz.

Es wird nicht der letzte Rückfall, die letzte neuerliche Begegnung gewesen sein.

[1] Was mich beim Schreiben schließlich selbst verwunderte, verläuft mein Leben doch momentan gleich- und kreisförmiger denn je.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.