Nicht bei Poco

Die Sache war die: Ein paar neue Teppiche mussten her für die neue Wohnung. Unser altes „Keine Werbung bitte“-Schild hatte den Umzug nicht überstanden: So lag also am Samstag ein Infopostpaket auf unserer Schwelle und darin Werbung, die, Übermüdung hin, Plastediskussion („Kann man das nicht ohne Einschweißen ausliefern?“) her, von mir gelesen werden musste.

Was gab es da nicht alles: Kaufland, Penny, Real, Reichelt. Wurst und Kaffee und Schnaps. Mir gingen schier die Augen über. Und dann der Poco-Prospekt. Ich meine: Katzenberger. Und dann hieß es gleich: „Da kaufst du nicht.“ Aber es gab ja Schnäppchen. Schnäppchenmäßige Langflorteppiche. Schnäppchenschränke. Schnäppchensachen überhaupt, soweit das Auge reichte. Was kann schon verkehrt sein an Schnäppchen?

Wir hatten schon bei Möbel Kraft gekauft und ich war einmal bei Roller am Halleschen Tor. Sonst natürlich viel Ikea. Ich bin kein riesengroßer Ikea-Fan. Aber mein Roller-Erlebnis hatte mich in jeder Hinsicht ernüchtert. Es hätte mir eine Mahnung sein müssen. Damals habe ich ein Regal gekauft. An der Kasse bezahlt, dann raus aus dem Gebäude, 900 Meter laufen, bis man zur Rückseite gelangte, dann in ein Kabuff, wo ein Mann rauchend meinen Zettel nahm und zwanzig Minuten später mit dem Paket auftauchte. Aber die Zeit macht vergesslich. Und warum sollte es bei Poco nicht anders sein? Wie war das noch mit den Vorurteilen?

Ich fahre mit dem Auto – will auch noch einen phänomenal günstigen Schrank für 40 Euro mitnehmen. Und den kriege ich nicht in den 181er rein. Bin damals schon fast gestorben im Bus mit dem 20-Kilo-Paket von Roller.

Beim Möbelhaus angekommen, es ist ein verwitterter, hässlicher Betonblock, folge ich dem schmalen Schild, auf dem „Kundenparkplatz“ steht. Nach der völlig zugeparkten Ladezone und Warenausgabe sehe ich ihn, als ich um die Ecke biege: Die zehn Plätze sind belegt. Wie die meisten anderen auch parke ich also beim benachbarten Penny. Angekommen im Land der Schnäppchenjäger. Verheißungen der Prospekte. Alte Lidl-Erinnerungen kommen wieder hoch, Wunden reißen auf. Unvergessen die Rabattschlachtfelder, das Getümmel: Blut, Spiele, spritzende Gischt des Speichels. Tumulte über den Damen-Slips aus Jersey-Baumwolle. Ich nehme die Poco-Metall-Treppe, eine abenteuerliche Konstruktion, und betrete den Laden durch lädierte Schiebetüren. Möbelstück reiht sich an Möbelstück. Alles normal soweit. Auch andere Kunden sind auf der Jagd. Weiter hinten im Erdgeschoss gibt es die Teppiche. Sie sind von phänomenal schlechter Qualität. Der Langflor zottelt vereinzelt und wild vor sich hin. Schwer zu beschreibende braune Muster liegen auf einer Farbe, die Grau sein könnte. Überhaupt ist nur wenig von den Farben aus dem Prospekt zu sehen. Aber auch das ist ja nicht neu. Kann und will ich nicht kaufen. Eine Frau sagt: „Können Sie mir den Teppich hier rausheben?“ Ich hebe und sage nichts. Dann schaue ich mich um. Die besseren Teppiche im Hauptverkaufsraum kosten, das recherchiere ich kurz im Internet, genauso viel wie überall. Auch das ist Schnäppchenjäger-Alltag. Nun also der Schrank.

Im dritten Stock suche ich einen Moment. Das Modell Montego-Serano-Eiche ist um 10 Euro reduziert. 39,90. Ich schaue mir das Ausstellungsstück an. Die linke Tür hängt leicht tiefer als ihr rechtes Pendant. Am Boden ist die Beschichtung aufgebrochen, ebenso an der Rückwand, wo die Nägel kreuz und quer herausstehen. Ich kenne diese Fummelei. Aber wenn es die Mitarbeiter von Poco nicht schaffen, ihren eigenen Mist halbwegs vernünftig aufzubauen, und die sollten sich ja auskennen …

Nun, wo ich schon da bin, sollte ich dann nicht zuschlagen? Wo kriege ich sonst wieder einen Schrank her? Mit leeren Händen nach Hause, dann ein neuer Anlauf zu Ikea? Ich nehme das Bestellschild aus der Klarsichthülle. Unten kaufen, mir einen Parkplatz vor der Warenausgabe suchen, dort herumstehen, bis mir ein Poco-Mitarbeiter das Paket rauswuchtet? Ich stecke das Bestellschild wieder in die Klarsichthülle. Ich wiege vor und zurück. Irgendwo läuft ein Poco-Mitarbeiter in der Entfernung. Ich ziehe das Schild heraus. Stecke es wieder hinein. Gehe nach unten – ohne Schild.

Bei Penny kaufe ich Buitoni-Nudeln zu 66 Cent die Packung im Angebot und ein graues Spannbettlaken, 1,80 x 2 Meter. Eine Frau fährt mir im Kassenbereich mit dem Einkaufswagen in den Hintern. Hinter der Kassiererin, die mit Eile die Waren über den Scanner jagt, hängt ein Plakat, das für die Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau (und natürlich zum männlichen Pendant) bei Penny wirbt. Eine junge Frau beugt sich da, das Mikrofon in der Hand, weit nach vorne. Sie sieht aus, als wäre sie gerade durch das Verwandlungstor der Mini-Playback-Show gegangen.

Schnäppchenjäger bei Poco, Rockstar bei Penny – ich, der ich in meinem selbst gewählten Biotop vor mich hinlebe, habe ja viel zu wenig Ahnung, was da draußen wirklich los ist.

Den Schrank habe ich übrigens immer noch nicht.

Die Teppiche online bestellt – nicht bei Poco.

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