Wie ich mir einmal vorstellte, vom Kaufen glücklich zu werden

Ich steige aus der Bahn und gehe hinauf. Ein Paar läuft vor mir, ich kann es nicht überholen, weil uns Leute entgegenkommen. Dann komme ich doch vorbei. Ich habe Zeit und will langsam laufen, renne aber über die Straße, weil gerade ein Auto kommt. Danach zwinge ich mich, langsamer zu laufen. Dann, nach fünfzig Metern, sehe ich den Harald-Glööckler-Store in einem S-Bahn-Bogen und ich denke: „Aha, da ist jetzt so ein Glööckler-Store drin.“ Ich weiß nicht, was dort vorher war, habe aber das Gefühl, dass etwas anders darin war. Ich denke: „Aha, das funktioniert also, das ist doch verwunderlich.“ Ich gehe weiter, ich schaue in den Glööckler-Store. Vorne trägt eine Schaufensterpuppe einen rosafarbenen Samthausanzug, irgendwo an ihr glitzert auch Strassschrift. Dass der Hausanzug aus Samt gefertigt ist, darauf will ich mich nicht festlegen. Wenn man den Glööckler-Store betritt, steht dort eine lebensgroße Plastiknachbildung von Harald Glööckler. Man kann die Figur nicht anfassen, da sie innerhalb roter Absperrkordeln steht. Für einen Moment, als ich den pomadisierten Verkäufer mit kleinem, schwarzen Schnurrbärtchen sehe, überkommt mich das mir zunächst unverständliche Verlangen, jetzt unbedingt den Glööckler-Store betreten und mit ihm sprechen zu wollen. Wie er das sieht, diesen Kaufkitsch, diese völlig verkitsche glitzernde Müllwelt, in der er sich bewegt. Ob er wirklich daran glaubt, wie er abends dazu steht. Wie er sich im Kreise der Familie, wie bei den Freunden positioniert. Ob er sich nach etwas sehnt, was er nur bei Glööckler findet. Ob es ihm einfach egal, es einfach nur ein Job ist, den jemand machen muss.
Oder aber vielleicht sogar: sich darauf einlassen. Ich stelle mir vor, wie der Verkäufer mit mir scherzt, wie er mir jovial zulächelt, als ich mich beraten lasse, was gerade angesagt ist für die (älteren) Damen in der Glööckler-Welt. Ich stelle mir dieses völlige Aufgehen vor in meiner Begeisterung für Glööckler-Sachen, wie ich zufrieden bin mit meinem Einkauf. Ich versuche, dieses vollkommen ungetrübte, uneingeschränkte Glück nachzuempfinden, das sich beim Kauf von Glööckler, von Ed Hardy, von weißen Keramikarmbanduhren einstellen muss. Eine automatische Türöffnung reagiert im Vorübergehen auf mich. Die Tür öffnet sich. Ein Mann kippt eine Pommespappe vor den Tauben aus, er schleudert die Pommes regelrecht in Richtung der Vögel. Dann dreht er sich auf der Stelle um und läuft mit großen Schritten davon.

2 Gedanken zu „Wie ich mir einmal vorstellte, vom Kaufen glücklich zu werden“

  1. Hallo Christian, warst du nun drin? Wahrscheinlich nein, aber woher kannst du dann wissen, dass da ein Plastik-Inhaber steht? Aber schöner Ansatz.

    1. Tatsächlich hat der Laden einen breite Fensterfront mit ausladender Eingangstür und die Figur steht relativ nah am Eingang, sodass man das auch gut von außen sehen kann (was, denke ich, so gewollt ist).
      Danke für deine Rückmeldung!

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